Kirrung produziert Schwarzwild

(19.01.2013) Artikel für die Rheinische Bauernzeitung, Ausgabe vom 19.01.2013, von Dr. Helmut Stadtfeld, Vorsitzender des Tierschutzbeirates Rheinland-Pfalz

„Je mehr Sauen wir schießen, desto mehr gibt es“, äußerte kürzlich ein etwas resignierter Jäger, mit dem ich mich am Telefon über das Thema Schwarzwild austauschte. Seine Aussage klingt zunächst einmal paradox. Ein Zusammenhang zwischen der intensiven Bejagung der Wildschweine und deren geradezu explosionsartiger Bestandsentwicklung erscheint auf den ersten Blick undenkbar. Sind nicht unsere Jäger die Garanten für eine Kontrolle des Wildbestandes? Wäre ohne ihre Aktivitäten nicht alles noch viel schlimmer? Jedenfalls kann man den Jägern keine Tatenlosigkeit vorwerfen. Bundesweit wird heute fünf Mal so viel Schwarzwild erlegt wie 1975 (DJV, 2012). Dies entspricht im Wesentlichen auch der Situation in Rheinland-Pfalz, wo die jährlichen Schwarzwildstrecken bis Mitte der 1980er Jahre durchweg unter 10.000 lagen, in den 1990er Jahren 20.000 bis 40.000 erreichten und seit der Jahrtausendwende zwischen 30.000 und 80.000 pendeln. Für das laufende Jagdjahr (1. April 2012 bis 31. März 2013) zeichnet sich bereits heute ein Spitzenwert ab.

Die erschreckend hohen Abschusszahlen spiegeln eine intensive Jagdtätigkeit, aber auch und vor allem eine unnatürlich hohe Bestandsdichte wider. Im Rahmen der Ursachenforschung muss es erlaubt sein, sich einmal einer Verfahrensweise zuzuwenden, die heute zur Schwarzwildjagd gehört wie der Hut zum Jäger, dem Kirren. Diese Lockfütterung am Hochsitz kam Ende der 1970er Jahre in unseren Breiten allmählich auf, seinerzeit gegen erhebliche Bedenken aus Jägerkreisen, und wurde dennoch nach und nach zum Standard. Ohne Kirrung, so behaupten deren Anhänger, sei das Schwarzwild nicht effektiv zu bejagen. Und in der Tat werden zahlreiche Sauen an Kirrungen geschossen. Das ist aber nur eine Seite der Medaille.

Kirrung bedeutet nämlich vor allem, dass in vielen Revieren der Tisch für unser Schwarzwild ganzjährig reich gedeckt ist. Das Futterangebot wiederum ist bekanntlich ein ganz wesentlicher Faktor für die Entwicklung einer Wildtierpopulation. Zwar werden in diesem Zusammenhang auch andere Gegebenheiten wie vermehrter Energiemaisanbau und häufige Masten bei Buche und Eiche als Ursachen diskutiert. Der Mais auf unseren Äckern kann aber schon deshalb die Population nicht tragen, weil er nur saisonal verfügbar ist und Wildschweine nun einmal keine Futtervorräte anlegen. Auch gibt es „Fehlmastjahre“ wie das Jahr 2012, in denen dem Wild nach dem Ernteschock keine Bucheckern oder Eicheln zur Verfügung stehen, sowie strenge Winter, die im Wege einer sinnvollen natürlichen Auslese bzw. einer biologisch gesteuerten Verminderung der Geburtenrate in die Population eingreifen könnten.

In Zeiten, in denen die Natur für einen Nahrungsengpass sorgt, meinen es aber viele Jäger besonders gut mit dem Kirren, weil die Lockwirkung dann am größten ist und weil man ein Nadelöhr für die Population erst gar nicht entstehen lassen möchte. Ich will nicht alle Waidmänner und –frauen über einen Kamm scheren, es gibt sehr vernünftige unter ihnen, auch Gegner jeglicher Art von Wildfütterung. Aber die Fütterungsaktivitäten mancher Revierinhaber lassen nur den Schluss zu, dass es ihnen ungeachtet der Verpflichtung zum Wildschadenersatz überhaupt nicht darum geht, die Schwarzwildpopulation zu senken, sondern im Gegenteil dafür zu sorgen, dass stets genügend Schwarzkittel da sind. Deren Bejagung ist nun einmal ein faszinierendes Erlebnis, man möchte bei Ansitz und Drückjagd „Anblick“ haben. Die Jagdgäste sollen nicht unverrichteter Dinge abreisen müssen, während es sich die Sauen im Nachbarrevier gut gehen lassen.

Schätzungen, wonach in Deutschland pro Jahr 125.000 Tonnen Mais an Kirrungen ausgebracht werden (BEHM, MdB, 2012), mag man anzweifeln. Tatsache ist, dass reichlich Futter in den Wald gefahren wird. Wissenschaftler haben errechnet, dass die Wildschweine in Fehlmastjahren so viel Kirrmais wie Feldmais aufnehmen (HOHMANN und HUCKSCHLAG, 2010), und ermittelten aufgrund von Jägerbefragungen Ausbringungsmengen von bis zu 1.000 kg Mais pro 100 ha Waldfläche und Jahr (KEULING und STIER, 2006) bzw. von durchschnittlich 136 kg und im Extremfall von über 300 kg Futter pro erlegter Sau (ELLINGER et al., 2001)*.

Auch wenn sich diese erschreckenden Zahlen nicht auf Rheinland-Pfalz beziehen, so ist auch in unserem Bundesland das Problem völlig ungelöst. Selbst bei Einhaltung der gut gemeinten „Landesverordnung über die Fütterung und Kirrung von Schalenwild“ vom 4. August 2005 lässt sich nach wie vor eine ganzjährige beträchtliche Aufstockung des Nahrungsangebots realisieren. In einem Revier von etwas mehr als 300 Hektar Fläche dürfen immerhin vier Kirrstellen eingerichtet und diese jeweils ständig mit 1 Liter Mais oder anderem Getreide beschickt werden. Leider ist das manchem Revierinhaber noch nicht genug. Bei meinen Wanderungen im schönen Rheinland-Pfalz stoße ich auch heute, sieben Jahre nach Inkrafttreten der „Kirr-Verordnung“, noch auf regelrechte Getreideschüttungen, auf verbotene Kirrtonnen und -kisten, auf großflächig mit Mais überstreute Suhlen und sogar auf elektronisch gesteuerte Futterautomaten.

Der Tierschutzbeirat Rheinland-Pfalz ist besorgt wegen der immensen Sozialschädlichkeit der Schwarzwildschwemme, aber natürlich auch wegen schwer wiegender Tierschutzaspekte. Die im Übermaß vorkommenden Wildschweine verursachen nicht nur schwere Verkehrsunfälle und extreme Wildschäden, sie sind auch durch Seuchen gefährdet und stellen ihrerseits eine Gefahr für die Hausschweinebestände dar. Der massive Jagddruck, unter dem die Tiere permanent stehen, führt vielfach zur Zerstörung der Rottenstruktur. Fehlabschüsse führender Bachen und Krankschüsse bleiben nicht aus, auch bei der Ansitzjagd, insbesondere wenn die Dunkelheit das Ansprechen und die saubere Schussabgabe erschwert.

Die Mitglieder des Tierschutzbeirates sind in großer Mehrheit davon überzeugt, dass das Lockfutter, auch in legaler Dosierung, ein maßgeblicher, wenn nicht sogar der entscheidende Faktor der Schwarzwildvermehrung ist und dass die nachteiligen Auswirkungen des Kirrens dessen Vorteile deutlich überwiegen. Wir fordern daher ein grundsätzliches Verbot jeglicher Futterverabreichung an Wildschweine, von dem es allenfalls für die Vorbereitung und Durchführung einer von der EU vorgeschriebenen Schweinepest-Impfung Ausnahmen geben sollte. Ein solches Verbot wäre ohne jeden Zweifel eine Erfolg versprechende Stellschraube, um in puncto Schwarzwildplage endlich etwas zu bewegen. Es ist ja ganz offensichtlich, dass alle bisherigen Appelle, Programme und Handlungsempfehlungen zu nichts geführt haben.

Den Jägern bliebe die Wildschweinjagd selbstverständlich erhalten. Ohnehin sind ruhige, großflächige Bewegungsjagden mit versierten, besonnenen Schützen die Methode der Wahl, aber auch Ansitze - ohne Lockfutter - am Wechsel, Waldrand oder Getreidefeld können spannend und aussichtsreich sein. Die unnatürliche Schweinemast im Wald muss aber schleunigst ein Ende haben. Die Kirrjagd ist ohne jeden Zweifel effektiv in Bezug auf den Jagderfolg, als Instrument zur Bestandskontrolle ist sie dagegen kontraproduktiv. Mit anderen Worten: An Kirrungen kann man gut Sauen schießen, wegen der Kirrungen gibt es aber immer mehr Sauen.


* Literatur beim Verfasser

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